Mittwoch, 11. Juli 2012

Klebrig unterwegs in zwei Jahrzehnten - Der Spider-Man-Vergleich


Der Unterschied zwischen Sam Raimis Version von Spider-Man und der neuen von Marc Webb wird besonders deutlich, wenn man die zentralen Liebesszenen der beiden Filme miteinander vergleicht.

Kurze Zusammenfassung:



1) Spider-Man, 2002
Spider-Man hat Mary-Jane gerettet. Sie will sich mit einem Kuss bedanken. Er hängt kopfüber vor ihr. Sie stülpt seine Maske ab. Er hat kurz angst, dass sie seine Identität enthüllt. Sie legt nur seinen Mund frei und küsst ihn. Ehe mehr passieren kann, rauscht Spider-Man davon.



2) The Amazing Spider-Man, 2012
Peter Parker war bei Gwen Stacy und ihren Eltern zum Essen eingeladen. Während des Essens hat er sich mit Gwens autoritärem Vater angelegt. Allein mit ihr will er ihr erzählen, dass er Spider-Man ist. Er findet nicht die richtigen Worte. Plötzlich wirft er ein Spinnennetz nach Gwen aus. Er zieht sie zu sich ran, küsst sie. Die Identität ist enthüllt, gemeinsam schwingen sie sich an Spinnenfäden in die Nacht hinaus.


Ich nehme an, wir sind uns alle einig, wofür Spider-Mans Kräfte metaphorisch stehen, oder? Natürlich für die Pubertät. Peter Parker ist ein Teenie, dessen Körper sich plötzlich verändert. Mit dieser Veränderung muss er umzugehen lernen. So wird er zum Mann. (In einem Artikel in der FAS wurde provokant gefragt, wofür dann die klebrige Masse steht, die Spidey aus seinen Handgelenken schießt...)

Im Kern geht es also in beiden Spider-Man-Filmen um einen pubertierenden Jungen und seinen Umgang mit der "Mann-Werdung". Vergleichen wir die beiden oben beschriebenen Szenen, dann wird deutlich, dass es sich in beiden Interpretationen um grundverschiedene Jungen handelt. Der Peter Parker von 2002 ist ein unsicherer Nerd, der gehänselt wird und nur im trauten Heim bei Tante und Onkel in wohliger Sicherheit ist. Die Welt da draußen ist gefährlich für ihn. Als er zu Spider-Man wird, kann er sein Spinnen-Ich und sein "persönliches" Ich nicht zusammenbringen. Er kann erst seine geliebte Mary-Jane erobern, als er sich selbst klar macht, dass er Spider-Man UND Peter Parker ist. Er akzeptiert also den Mann in sich - Pubertät abgeschlossen, die Welt da draußen kann erobert werden! Den Leitsatz seines Onkels "Aus großer Kraft folgt große Verantwortung", versteht er so, dass er Verantwortung übernimmt, indem er zu sich selbst steht.

Der Spider-Man von 2012 ist kein Nerd. Eher ein normaler Junge, der in der Schule weder zu beliebt noch sonderlich unbeliebt ist. Er braucht nicht wirklich einen Rückzugsort - und sein Zuhause ist auch keiner. Er lebt bei Tante und Onkel, weil seine Eltern ihn verlassen haben. Den Grund kennt Peter nicht. Er weiß nur, dass sein Vater keine Verantwortung übernommen hat, als es drauf ankam. Hier taucht also wieder das alte Motiv auf vom Jungen, der sich mit seinem Vater versöhnen muss um ein vollständiger Mann zu werden (während in der 2002-Fassung der Vater gar keine Rolle spielt). Dazu muss Peter die Fehler seines Vaters wieder gut machen.

Seine Kräfte erhält Peter, als er sich zum ersten Mal das Spinnen-Forschungsprojekt seines Vaters ansieht. Also: Als er beginnt, sich mit seinem Vater zu beschäftigen, beginnt seine Mann-Werdung. Peter hat ein konkretes Ziel: Seine Kräfte sind nicht die Herausforderung wie bei seinem Kollegen von 2002, sie sind das Mittel, das er braucht, um die Lücke in seiner Biografie zu schließen. So hat der 2012-Peter auch kein Problem damit, seine Identität von Anfang an zu offenbaren. (Und weil er kein Nerd ist, traut er sich sogar, dem Mädchen an den Arsch zu fassen, bzw. Schweinischeres zu tun, wenn – wie in der FAS – vermutet, das Spinnennetz kein Spinnennetz ist…)

Ab hier wird ein wenig gespoilert. Wenn ihr den neuen Spider-Man noch nicht gesehen habt, tut das unbedingt (lohnt sich!) und lest erst dann den folgenden Absatz.

Auch in dem neuen Film gibt es den Satz "Aus großer Kraft folgt große Verantwortung". Doch hier bedeutet Verantwortung-Übernehmen "zu seinen Idealen stehen". Am Ende verspricht Spidey Gwens sterbendem Vater, dass er seine Tochter in Ruhe lassen wird, um sie nicht zu gefährden. Spidey tut es trotzdem nicht. Er läuft nicht – wie sein Vater damals – weg, als die Gefahr in sein Leben tritt, sondern nimmt Gwen in sein Leben mit hinein. Auch wenn sie in Gefahr gerät. Denn das ist es, was sich Peter von seinem Vater gewünscht hätte: Dass er nicht wegläuft, um Peter zu schützen, sondern dass er auch in der Gefahr bei ihm bleibt.

(Ironischerweise hat Gwens Vater eine ähnliche Haltung wie der Spidey von 2002. Auch der glaubt, nicht mit Mary-Jane zusammenkommen zu können, da er sie dadurch gefährden würde. Der neue Spidey weiß, dass Gwen tough genug ist, um keinen Beschützer zu brauchen. Spider-Man und sie begegnen sich auf Augenhöhe. Mary-Jane durfte in den "alten Filmen" meistens nur die "entführte Prinzessin" sein. Indem sich Spidey über die Anweisungen von Gwens Vater hinwegsetzt, emanzipiert er sich also auch deutlich vom 2002-Spidey.)


Kommentare:

  1. Schöner Text. Aber ich mag halt auch das Thema, bin da einfach nicht objektiv *g*

    Der Film läuft hier nur noch in 3D :-(

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  2. Super Review. Ich mag Spider-Man gerade weil er sich noch in der Selbstfindung befindet. Hast ein wirklich guten Ansatz gefunden die beiden Filme zu vergleichen.

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